21 - Outremer

autorin: Nikki Henderson

Die Definition von Risiko: „Eine Lage, in der man einer Gefahr ausgesetzt ist“.  

 

weil Segeln unvorhersehbar ist

Ich versuche zu vermeiden, eine Liste von Regeln vorzugeben, in der genau steht, was wann zu tun ist – wie „Du musst reffen, wenn der Wind 21 Knoten hat“ oder „Bei großen Wellen sind Fluchtlinien die einzige Lösung“ -, sondern die Leute dazu zu bringen, selbst die richtige Entscheidung zu treffen. Anders gesagt, das „wieso“ ist viel wichtiger als das „wie“, wenn man das Segeln lernt. 

Bei diesem Sport ist man ständig in Bewegung, alles ist sehr wechselhaft und es gibt keine Ausschalttaste. Ich habe oft gesagt, dass einer der schönsten Aspekte des Segelns die Nähe zur Natur ist. Ein guter Segeltag ist wie ein Tanz mit einem Partner: Man bewegt sich im Rhythmus der Natur fort und achtet dabei auf Harmonie und Gleichgewicht.

DSC5952 - Outremer

Die besten Seefahrer haben ein so tiefes Verständnis für ihre Umgebung – und sind so stark mit der Natur verbunden -, dass sie in der Lage sind, Flexibilität zu bewahren. Genauso wie Mutter Natur, können auch sie sich bewegen, das Gleichgewicht halten und sich drehen. Man braucht sich nur das olympische Segeln anzuschauen: Die Segler bewegen ununterbrochen Ihre Körper und Segel im Einklang mit den Gewalten, die auf sie einwirken.  

Flexibilität macht nicht nur einen guten oder schnellen Segler aus, sondern ermöglicht auch sicheres Segeln. Die Anpassungsfähigkeit eines Seglers ist unmittelbar mit dem Maß an Sicherheit verbunden, das er dem Schiff bieten kann. Umso flexibler er ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass er die Segel, das Boot, die Besatzung und die Pläne an die jeweiligen Umgebungsverhältnisse anpassen kann, was wiederum die Unfallgefahr verringert. 

Auch wenn es Ihnen vielleicht unmöglich erscheint, die Reaktionsfähigkeit eines olympischen Seglers zu erreichen, gibt es doch ein paar einfache Dinge, die ich jedem ans Herz legen möchte, der ein in jeder Situation anpassungsfähiger Segler werden möchte.

 

Mindset und Stimmung an Bord

 Fördern Sie einen aufgeschlossenen Umgang an Bord. Es ist nicht sinnvoll, sich auf eine einzige Person zu verlassen, um die Witterungsänderungen, die Stimmung der Besatzung, die Wolkendecke, den Seegang oder den Luftdruck zu überwachen. Wir alle brauchen Schlaf! 

Fördern Sie Neugierde. Animieren Sie dazu, Dinge zu analysieren. Ermutigen Sie alle dazu, sich zu beteiligen. Verwerfen Sie keine Vorschläge, auch wenn diese vielleicht unsinnig erscheinen. Organisieren Sie regelmäßige Gruppendiskussionen zur aktuellen Lage und den Vorhersagen. Besprechen Sie alles, was nicht nach Plan gelaufen ist und veranlassen Sie gegebenenfalls Änderungen, um Verfahren festzulegen, die dieses Feedback berücksichtigen. 

Ein guter Startpunkt besteht darin, alle Manöver vor der Umsetzung mit Ihrer Besatzung zu besprechen und Zeit für Fragen zu lassen. Zudem ist es wichtig, sich einmal am Tag bei einem Essen oder einem Tee zu treffen, unabhängig davon wie müde Sie oder Ihre Besatzung ist, um die voraussichtlichen Bedingungen zu besprechen und den Tagesablauf zu überprüfen.

Lassen Sie die Stopper offen

So lässt sich auf einfache Weise sicherstellen, dass das Boot und die Segel bereit sind, sich an wechselnde Bedingungen anzupassen. Sofern möglich, sollten alle Leinen, die den Hauptantrieb für das Setzen oder Entfalten der Segel bilden, auf Winschen mit geöffneter Kupplung laufen.  

Das bedeutet, dass die Großschot immer mit geöffneter Kupplung auf der Winsch sein muss – jederzeit bereit, sich leicht abrollen zu lassen. So wie alle anderen aktiven Schoten und das Spinnakerfall.

1Y7A4736 - Outremer

Ein gut aufgeräumtes Boot

Im selben Sinne wie zuvor ist ein gut organisiertes Boot auch ein sicheres Boot. Achten Sie darauf, dass alle Festmacherleinen aufgeschossen und betriebsbereit sind. Sorgen Sie dafür, dass sie sich nicht hinter den Schiebetüren Ihres Salons, um das Ruder herum oder in den Seilen, an denen Sie sie aufhängen, verfangen.  

Es ist ratsam, die aktiven Leinen (die mit den offenen Stoppern, die sich an den Winden befinden) an ihre jeweiligen Winden zu hängen. Somit schaffen Sie Stauraum für die anderen Enden.

Instrumente einstellen

Zu viele Daten auf einem Steuerbildschirm können gerade unerfahrene Segler schnell überfordern. Denken Sie darüber nach, was Sie wirklich auf den Displays sehen müssen und wo diese angezeigt werden, damit jeder an Bord das Gefühl hat, mit den Bedingungen vertraut zu sein – zumindest im digitalen Sinne. Auf diese Weise wird dafür gesorgt, dass nicht nur die erfahreneren Segler Trends und Veränderungen bemerken. 

Hier sind einige Grundempfehlungen: 

  • Es ist durchaus sinnvoll, die Daten zum wahren Wind und zum scheinbaren Wind nebeneinander anzuzeigen. 
  • Verwenden Sie für den Wind sowohl eine grafische als auch eine digitale Einstellung – um die unterschiedlichsten Gehirntypen anzusprechen! 
  • Es ist in den meisten Fällen nicht nötig, die Geschwindigkeit des Schiffs und die Geschwindigkeit an Land gleichzeitig anzuzeigen. 
  • Wenn Sie sich inmitten des Ozeans befinden, ist die Tiefe nicht sehr relevant und kann ausgeblendet werden (vergessen Sie aber nicht, diese wieder zu aktivieren, wenn sich ein Riff in der Nähe befindet oder Sie sich dem Land nähern). 
  • Die wahre Windrichtung ist für einen angehenden Segler extrem nützlich, um Windänderungen im Blick zu behalten. 
  • Die Meerestemperatur ist sehr wertvoll, wenn man in der Nähe von großen Strömungen wie dem Golfstrom segelt.

Erstellen Sie Ihr eigenes Logbuch

Das regelmäßige Führen eines Logbuchs ist ein guter Weg, um alle Besatzungsmitglieder dazu zu ermutigen, auf die Natur und die Geschehnisse auf dem Schiff zu achten. Klassische Logbücher sind allerdings oft nur unzureichend auf Ihr Boot zugeschnitten. Erstellen Sie deshalb lieber Ihr eigenes Logbuch mit all den Informationen, die Sie möchten.  

Hier sind einige meiner Ideen: 

  • Ich bevorzuge zwei Spalten zur Angabe der Batteriespannung, zum Beispiel: Eine für die Haushaltsbatterie und eine für die Starterbatterie, falls diese sich entladen hat.  
  • Ich halte gerne Spalten für die Bedingungen bereit: Wolkendecke, Seegang, Luftdruck, Luftfeuchtigkeit, Meerestemperatur. 
  • Eine Spalte zum Wohlbefinden der Besatzung ist sehr nützlich – es handelt sich dabei einfach um eine Skala von 1 bis 10 für die allgemeine Stimmung an Bord.  
  • Ich finde es auch gut, wenn eine Spalte anzeigt, ob der Skipper (ich) sich ausruht. Die Besatzung sollte wissen, ob Sie ausreichend Schlaf bekommen – es ist manchmal schwierig, das Tempo zu halten, und 3 Stunden Schlaf über 24 Stunden sind nicht ausreichend, wenn es darum geht, schwierige Entscheidungen zu treffen.

Richtlinien festlegen

Ein Widerspruch, der mir aufgefallen ist, ist, dass sich die Menschen mit klaren und gut definierten Grenzen freier fühlen. Es lohnt sich also, ein paar empfehlenswerte Praktiken für das Boot zu notieren. Somit sind Limits für das Reffen, Schwerttiefen und die Segelauswahl ein guter Ausgangspunkt. Dadurch wird ein Teil des Denkens und der Vorstellungskraft aus der eigentlichen Entscheidung herausgenommen, was bedeutet, dass Sie, wenn die Bedingungen schwieriger werden, Ihr Gehirn feinfühliger einsetzen und die Einstellungen an unerwartete Veränderungen anpassen können, die unvermeidlich eintreten werden.  

Wenn Sie zum Beispiel eine „grundlegende“ Richtlinie haben, laut der das Reff 3 bei einem Wind von 30 Knoten gesetzt werden soll, würden Sie bei 30-Knoten-Böen sofort das Reff 3 setzen. Wenn der Wind auf 45 Knoten steigt, müssen Sie sich entscheiden, ob Sie im Wind segeln und das Segel beibehalten oder ob Sie das Großsegel vollständig bergen. Egal wie Sie sich entscheiden, Sie werden in der besten Stellung sein, um sich an diese Veränderung anzupassen, wenn das Reff 3 bereits gesetzt ist, als wenn Sie noch über die Anzahl der zu bergenden Segel nachdenken müssen. Außerdem sparen Sie Ihre Energie zum Treffen der wirklich wichtigen Entscheidungen.

Haben Sie Spaß

Oft zögert man den Plan zu ändern, zu reffen, den Spinnaker zu bergen, den Treibanker einzusetzen, weil es mit zu viel „Arbeit“ oder Anstrengungen einhergeht. Dieses Zögern kann den Unterschied zwischen Katastrophe und Sicherheit ausmachen.  

Es hat mich im Laufe meiner Karriere als Seglerin schon oft überfallen. Meistens komme ich aus diesem faulen Gemütszustand heraus, indem ich mich daran erinnere, dass mir Segeln Freude bereitet. Diese Aufgaben zu erledigen – das Segel wechseln, reffen, hochziehen oder fallen lassen – macht Spaß. Und falls nicht, wird es sicherlich die Gelegenheit sein, etwas zu lernen. Sich auf die positiven anstatt auf die negativen Aspekte zu konzentrieren, trägt dazu bei, dass man sicher segelt.

1Y7A6151 - Outremer